AG42B Ljungman, Taktischer Schaft Teil 7

So langsam aber sicher nähert sich diese Beitragsreihe dem Ende, denn ich habe beim letzten Schießtermin – zumindest in technischer Hinsicht – mein Ziel erreicht: Der AG42B macht jetzt genau das, was er soll! Ohne sich selbst zu zerlegen 😊

Optisch ist das Gewehr natürlich noch nicht ganz fertig, denn es fehlt noch die Eloxal-Beschichtung am Schaft. Ein weiterer sehr kurzer Beitrag wird also noch folgen, der den Halbautomaten dann in seinem komplett fertigen Zustand zeigen wird.

Ich möchte dem geneigten Leser aber schon in diesem Artikel alles Weitere an die Hand geben, um seinen Ljungmann ebenfalls zum Schießen zu bringen, falls er mit einem Kauf liebäugelt oder falls er das Gewehr einfach mal wieder vom Staub befreien möchte. Einige der nachfolgenden Tipps sind natürlich auch anderweitig im Internet zu finden, da will ich mich gar nicht mit fremden Federn schmücken. Allerdings kann ich hier und da noch einige Details beisteuern oder Lösungswege aufzeigen.

Freischwingender Lauf und Laufgewicht

Der AG42B Ljungmann hat eigentlich keinen freischwingenden Lauf, das ergibt sich erst durch die Umbettung in meinen eigens dafür konstruierten Schaft. Ich habe das Gewehr vor dem Umbau nie ausgiebig erprobt und kann daher auch nicht sagen, ob es mit meiner nachfolgenden Laborierung ähnlich gute Streukreise ohne Laufgewicht und dafür mit originalem Schaft erzielt hätte. Wer sich an ein ähnliches Projekt wagen möchte, dem sei jedenfalls dieses Laufgewicht wärmstens empfohlen, sofern er das System aus dem Holzschaft ausbettet. In logischer Konsequenz sollte man dann aber auch die untenstehende Laborierung übernehmen. Im Gegensatz zu den vorherigen Bildern in vergangenen Beiträgen ist die unten abgebildete Zeichnung zum Laufgewicht leicht modifiziert worden: Die Bohrung D=5mm/Tiefe 5mm zum Festziehen mittels Schneideisenhalter ist einer gefrästen Schlüsselweite mit SW19 gewichen. Außerdem ist das Gewinde M12x1 nun mit 13,7mm um 1,5mm länger geworden, da das Laufgewicht künftig mit einem Crush-Washer auf dem Lauf befestigt wird. Wem der Begriff nicht geläufig ist: Es handelt sich dabei um eine etwas dickere, speziell geformte Unterlegscheibe zwischen Lauf und Laufgewicht, die sich beim Anziehen des Laufgewichts auf dem Gewinde verformt. Das Laufgewicht bleibt auf dem Gewinde dadurch etwas vorgespannt, sodass es sich nicht mehr ohne Weiteres von selbst lösen kann. Ich habe mir dazu von Brownells folgende Artikel bestellt, bzw. nachbestellt:

Artikel Nr.  452000271 (passt auf jeden Fall)

JP Enterprises ½“x28 .750OD

Artikel Nr.  452000273 (muss ich ausprobieren)

JP Enterprises 5/8“x24 .750OD

Laborierung

Achtung:

Für das Long-Range-Schießen weiche ich von der Ladeempfehlung von Vihtavuori ab! Ich sehe das als unproblematisch an und erläutere das in diesem Beitrag nochmals genauer.

  • Hülse: Lapua Match, Kailber 6,5×55 Schwedenmauser
  • Zündhütchen: CCI 200
  • Pulver: N150
  • Menge: 37,5gr.
  • Geschoss: Lapua Scenar GB458 HPBT, 139gr.
  • OAL: 76,5mm
  • Crimp: keiner

Ähnlich gute Streukreise konnte ich bei der o.g. Laborierung mit nur 36,9gr. N150 erzielen. Da ich das Gewehr aber auch auf sehr weite Distanzen schießen möchte, wähle ich natürlich 37,5gr. N150.

Fabrikneue Verschlussfedern

Ich habe in den letzten Beiträgen mit Schäden an meinem Gewehr zu kämpfen gehabt, die durch den repetierenden Verschlussträger bei Verwendung der obigen Laborierung entstanden sind. Verschlussfedern aus Arsenalbeständen sind immer noch erhältlich und bauen den Energieimpuls des Verschlussträgers am besten ab – für das „Projekt Ljungmann“ haben sie sich als der Schlüssel zum Erfolg herausgestellt! Bei Verwendung der obigen Laborierung sind sie dringend empfohlen, sie haben bei mir aber auch zu weiteren Komplikationen geführt…

„Firing out of battery“

So heißt es im englischsprachigen Raum und beschreibt den Umstand, dass die Patrone (ohne den Abzug zu betätigen!!!) bereits allein durch die Energie des schließenden Verschlussträgers und seines darin gelagerten Schlagbolzens ausgelöst wird. Der Schlagbolzen des AG42B ist im Gegensatz zum Verschluss z.B. eines AR15 nicht ausschließlich schwimmend gelagert, sondern wird noch durch eine kleine Feder im Inneren zurückgehalten. Diese Federkraft am Schlagbolzen wird dann im Normalfall spielend vom Schlaghammer überwunden. Tja, leider überwindet die Federkraft der neuen Verschlussfedern diese Rückhaltekraft bereits und was dann passiert, seht Ihr auf den folgenden Bildern.

Noch bevor der Verschluss komplett verriegelt, zündet der Schlagbolzen durch die Beschleunigung der (neuen) Verschlussfedern die Patrone, die zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht komplett zentrisch im Patronenlager sitzt. Der Hülsenhals verformt sich dadurch einseitig, platzt auf und ohne die erwähnte Verriegelung des Verschlusses, reißt es selbigen sofort wieder nach hinten. Bei dieser Rückwärtsbewegung wird der Patronenboden vom Auswerfer förmlich durchstoßen, einen einzigen Zündhütchenbläser hatte ich sogar auch dabei. Richtig ärgerlich aber war, dass der am Ende befindliche Sicherungsblock wieder die volle Energie des Verschlussträgers abgekriegt hat und dort abermals die Prallflächen herausgebrochen sind – das war dann mittlerweile der zweite Sicherungsblock, der repariert werden musste! Total ätzend, denn der stammte bereits aus dem Ersatzgewehr! Seit diesem Vorfall sind die harten Zündhütchen CCI 200 bei meinem Ljungmann Pflicht!

Nachtrag:

Die härteren Zündhütchen verbessern die Situation beim Verriegeln/erstmaligen Durchladen des Verschlusses wesentlich, aber es kann nach einem Schuss immer noch zu einer „Doppelung“ kommen – so bei mir geschehen. Deshalb: Wer neue Verschlussfedern einsetzt kommt nicht darum herum, auch die Feder des Schlagbolzens zu ersetzen!!! Das Ersetzen ist wirklich einfach: Verschlussabdeckung entnehmen und Verschluss aus dem Verschlussträger entnehmen. Im hinteren Bereich sieht man den Schlagbolzen, welcher durch einen gekerbten Stift gesichert ist. Der Stift wird ausgetrieben, indem man auf die nicht gekerbte Seite schlägt. Auf dem unteren Bild sieht man die neue und die (kürzere) abgenutze Feder, letztere ist über die Jahre des Gebrauchs ca. 20mm gestaucht worden.

Gefettete Hülsen

Ja, von dieser Empfehlung aus einem englischsprachigen Forum hatte ich bereits von einem Kollegen gehört, das geriet aber schnell wieder in Vergessenheit, weil ich als Wiederlader meine LW-Hülsen natürlich immer vor dem Kalibrieren fette. Bei der versuchsweisen Verwendung von Fabrikmunition ist mir dieser Umstand wieder in Erinnerung gerufen worden, denn die Hülsen wurden nicht mehr ausgeworfen, ließen sich zum Glück aber noch manuell heraus repetieren. Die getestete Fabrikmunition war übrigens PPU mit 139gr.-Geschoss und nebenbei bemerkt lief sie richtig schlecht.

Gasrückführung

Im letzten Beitrag hatte ich ein Forum verlinkt, in dem für den AG42B bei Verwendung von progressiven (also langsam abbrennenden) Pulvern eine längere Schraube der Gasabnahme empfohlen wird, um den Impuls auf den Verschlussträger zu mindern, bevor dieser auf dem Sicherungsblock aufschlägt und Schäden verursacht. Das ist meiner Meinung nach nur die halbe Wahrheit, denn ich kann das laut meinen Untersuchungen nicht ausschließlich auf progressive Pulver zurückführen. Schauen wir uns dazu kurz das Gewehr selbst und drei Berechnungen von Laborierungen mit der Software Quickload an: Wenn ich die Lage der Patrone in der Kammer abschätze, so vermesse ich noch ca. 385mm Weg, den das Projektil im Lauf bis zum Passieren der Gaskanalbohrung zurücklegt. Runden wir das der Einfachheit halber mal auf 400mm auf und gehen in die nachfolgenden Diagramme, die mir Marvin zur Verfügung gestellt hat.

Eine Laborierung mit sehr gutem Streukreis, die in einem Forum beschrieben wurde (Schussbild war dabei) und die ich mit Quickload nachbilden liess: 140gr. Nosler HPBT/34,5gr. IMR 4046/OAL 76,6mm/2813 bar. Bei einem Geschossweg von 400mm wirken noch rund 900bar auf den Verschlussträger. Das IMR 4046 ist ein US- Pulver, dass laut meinen Informationen nicht mehr importiert wird, weil es gewisse Zusätze enthält, für die es keine Freigabe mehr in der EU gibt.

Mit N140 habe ich dann versucht, den obigen Spitzendruck von ca. 2800 bar nachzubilden, siehe unten.

139gr. Lapua Scenar HPBT/34,1gr. N140/OAL 76,5mm/2795 bar

Nach einem Geschossweg von 400mm ermittle ich hier einen Restdruck im System von ca. 1000 bar.

Ähnlicher Spitzendruck mit N150, siehe unten.

139gr. Lapua Scenar HPBT/37,0gr. N150/OAL 76,5mm/2861 bar

Auch hier erkenne ich noch einen Restdruck von ca. 1000 bar nach einem Geschossweg von 400mm.

N140 besitzt eine ähnliche Abbrandgeschwindigkeit wie das IMR 4046. Beide Pulver gelten im Vergleich zum progressiven N150 eher als offensiv. Es ist zu erkennen, dass – offensiv oder progressiv – die Druckkurve bei keinem der drei Pulver nach der Druckspitze signifikanter abfällt. Wer eine verlängerte Schraube der Gasabnahme also als notwendig ansieht, kann den Umstand meiner Meinung nach nicht einfach durch Verwendung eines offensiven Pulvers umgehen.

Hinweis: Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Veränderung der Verschlussschraube an der Gasabnahme nicht notwendig ist, wenn man neue Verschlussfedern verwendet!

Für diejenigen, die auch in dieser Hinsicht weitertüfteln möchten, sind hier weitere Tipps:

Man fängt logischerweise erstmal bei einer zu langen Schraube an, die die Gasrückführung komplett unterbindet und das Gewehr vorübergehend wieder zu einem Repetierer macht. Von da aus kann man die Schraube dann versuchsweise Stück für Stück abfeilen, bis die ursprüngliche Funktion des Halbautomaten wiederhergestellt ist. Dazu lädt man für jeden Versuch nur eine einzige Patrone ins Magazin. Das Ziel ist erreicht, wenn der Verschluss aufgrund des leeren Magazins gefangen wird und keine Beschädigung am Sicherungsträger ersichtlich ist. Ich rede bewußt von Beschädigungen und nicht von Berührungen, denn bauartbedingt kann es ja durchaus normal sein, dass der Verschlussträger auf den Sicherungsträger aufschlägt. Nur bitte, ohne Schaden zu verursachen! Anders ist es z.B. beim AR15 ja auch nicht…

Das nachfolgende Bild zeigt meinen bereits reparierten Sicherungsträger. Die defekten Stellen wurden aufgeschweißt, nachgeschliffen und anschließend wieder brüniert. Der leichte Abrieb an den äußersten Ecken der Reparatur entstand während der Versuchsphase mit verschiedenen Schraubenlängen an der Gasabnahme. Ein Fortschritt des Abriebs wurde für die folgenden 40 Schuss nicht mehr beobachtet, sodass ich davon ausgehe, dass es in der jetzigen Konstellation Feder/Laborierung/Verschlussschraube zu gar keiner Berührung mehr zwischen Verschlussträger und Sicherungsträger kommt.

Wer die Verschlussschraube in einer längeren Form benötigt, kann also nachfolgende Zeichnung verwenden:

Die Schraube besitzt laut Zeichnung Überlänge und wird den Gaskanal (ich habe seinen Innendurchmesser mit D= 2mm ermittelt) komplett verschließen. Angefertigt aus einem vergüteten Edelstahl braucht sie nachträglich nicht mehr gehärtet zu werden, lässt sich dafür aber auch leider nicht brünieren.

Der Mühe Lohn

Ich habe auf dem ersten Schussbild (100m, sitzend mit Zweibein und Sandsack) noch sämtliche Versuchsbedingungen und Infos festgehalten. Es ist noch mit einem Restbestand an Munition mit 36,9gr. N150 und den weicheren Zündhütchen FA 210 entstanden, glücklicherweise ohne Schäden oder Fehlfunktionen.

Beim zweiten Schussbild sind einige schlimmer Ausreißer zu sehen, da ich den Schaft nicht richtig im Sandsack fixiert habe. Ich muss sagen der Ljungmann lässt sich nicht so leicht kontrollieren, wie mein Schwedenmauser.

Ersatzteile

Auch die sind fertig geworden! Mit ein wenig Nacharbeit habe ich gleich zwei Sicherungsträger spielfrei auf mein Gewehr eingepasst. Mit den nachgefertigten Sicherungsbolzen und einigen Ersatz-Kleinteilen aus Arsenalbeständen habe ich jetzt einen weiteren kompletten Sicherungsträger. Mal schauen, ob ich ihn nochmal irgendwann benötigen werde.

Gasdruck beim Wiederladen

Nach den Kommentaren eines aufmerksamen Lesers aus Teil 3 zu den Ladedaten für Schwedenmauser, möchte ich in diesem Beitrag anhand meiner bevorzugten Laborierung für den Schweden nochmal näher auf das Thema des zulässigen Gasdrucks beim Wiederladen eingehen. Diese Thematik betrifft eigentlich jede Patrone, die wiedergeladen wird. Ich bin vor einiger Zeit zu Recht darauf hingewiesen worden, dass meine bevorzugte Laborierung die maximale Ladeempfehlung von Vihtavuori bereits überschreitet. Mithilfe von Marvin und der Software „Quickload“ möchte ich also in diesem Beitrag einige Ergebnisse präsentieren und erläutern. Da ich nicht weiß, ob es lizenzrechtlich gestattet ist, Screenshots der Software von den kompletten Berechnungen zu veröffentlichen, beschränke ich mich hier auf die Beschreibung der Ergebnisse und ein kleines Diagramm. Der Schwerpunkt liegt mit diesem Beitrag auf den berechneten Gasdrücken und nicht mehr auf der Präzision oder der Mündungsgeschwindigkeit wie in den vergangenen Beiträgen.

Der Vorsicht halber möchte ich auch nochmals darauf hinweisen, dass es sich nachfolgend um theoretisch berechnete Werte durch eine Software handelt. Einen besseren Aufschluss über die im System herrschenden Gasdrücke ergibt wohl erst eine Messreihe aus Patronen, die man zur Ermittlung des Gasdrucks an ein Beschussamt einsendet. Ich möchte das mit meiner bevorzugten Laborierung auch noch tun und werde das Ergebnis veröffentlichen, sobald es vorliegt.

Ungeachtet des Ergebnisses gilt für alle nachfolgenden Ladedaten weiterhin folgender Warnhinweis:

Für die Richtigkeit der Ladedaten wird keine Garantie übernommen! Wiederlader handeln auf eigenes Risiko!

 

Ausgangssituation

So, warum mache ich so´n Quatsch eigentlich, dass ich Patronen mit höherem Gasdruck herstelle? Das Gewehr hat ja bereits mit anderen (weicheren) Laborierungen sehr gut geschossen. Ganz einfach: Ich wollte für das Long-Range-Schiessen eine Patrone mit höherer V0 haben, aus diesem Grund habe ich die Ladeempfehlung verlassen. Den maximal zulässigen Ladedruck eines Schwedenmausers habe ich mit 3800 bar recherchiert. Man muss sich nicht viel Mühe geben, Wikipedia kann da z.B. schnell Auskunft geben, ist aber sicherlich nur eine Quelle von vielen. Auch Quickload hat übrigens den Grenzwert von 3800 bar für diese Patrone. Als Maschinebau-Ingenieur ist mir bewusst, dass die Vorhersage eines Bauteilversagens nicht nur in Bezug auf die Höhe der eingeleiteten Kraft (i.V.m. Querschnittsprofil und Werkstoff), sondern auch in Bezug der Anzahl der Lastwechsel zu beurteilen ist (Stichwort Materialermüdung). Auch andere Faktoren spielen eine Rolle, aber das sind Details, die hier den Rahmen sprengen würden. Da ich noch nicht davon gehört habe, dass man aus Gewehren nur eine bestimmte Anzahl von Schüssen abgeben darf, gehe ich also erstmal davon aus, dass der Literaturwert von 3800 bar jener Maximaldruck ist, bei dem die Dauerfestigkeit des Werkstoffes noch gewährleistet ist.

Zur Erinnerung, dies sind meine bevorzugten Ladedaten:

  • Hülse: Lapua Match, Kailber 6,5×55 Swedish Mauser
  • Zündhütchen: Federal Ammunition FA 210
  • Pulver: Vihtavuori N150
  • Menge: 38,0 gr.
  • Geschoss: Lapua Scenar HPBT, 139gr. (GB458)
  • OAL: 76,5mm
  • Crimp: keiner
  • V0 (nach Quickload): 783 m/s
  • V0 (gemessen): 803 m/s
  • Max. Gasdruck (nach Quickload): 3069 bar
  • Max. zulässiger Gasdruck: 3800 bar

Damit bin ich noch etwas mehr als 700 bar vom maximal zulässigen Gasdruck entfernt. Klingt erstmal ausreichend, Schwankungen in der Produktion des NC-Pulvers oder in der Herstellung der Patrone können aber gefährlich werden, das sollte man einfach wissen.

 

Das sagt Vihtavuori

Ich verlinke hier mal die Ladeempfehlungen des Pulverherstellers. Beachtet bitte, dass es auch modernere Gewehre im klassischen „Schwedenkaliber“ gibt, die einen höheren zulässigen Gasdruck haben und meist unter 6,5×55 SE oder 6,5×55 SKAN geführt werden. Mein Gewehr besitzt zwar einen modernen Lauf von Schulz und Larsen aus dem Jahre 2010, allerdings ist meine Systemhülse noch die des klassischen Schwedenmauses mit einer Prägung der Fabrik „Carl Gustavs“. Da die Systemhülse letztendlich über den Verschluss sämtliche Kräfte aufnimmt, bleibe ich mal bescheiden und lege weiterhin einen zulässigen Maximaldruck von 3800 bar zugrunde.

Vihtavuori: 6,5×55 Swedish Mauser

Vihtavuori: 6,5×55 SE / 6,5×55 SKAN

Die Ladedaten 6,5×55 SE oder 6,5×55 SKAN sind hier nur der Vollständigkeit halber verlinkt und spielen bei der weiteren Betrachtung keine Rolle!

Bezogen auf das Geschoss Lapua Scenar GB458, ist die Maximalempfehlung von Vihtavuori folgende (von den fettgedruckten Werte weiche ich ab, s.o.):

  • Hülse: 6,5×55, Hersteller unbekannt
  • Zündhütchen: Hersteller unbekannt
  • Pulver: Vihtavuori N150
  • Menge: 35,2 gr.
  • Geschoss: Lapua Scenar HPBT, 139gr.
  • OAL: 78,0mm
  • Crimp: unbekannt
  • V0 (nach Vihtavuori): 761 m/s
  • V0 (nach Quickload): 742 m/s
  • Max. Gasdruck (nach Quickload): 2456 bar
  • Max. zulässiger Gasdruck: 3800 bar

Vihtavuori ist damit 1350 bar vom Maximaldruck entfernt. Ein theoretisch recht komfortabler Abstand. Ich gehe mal davon aus, dass keine Ladeempfehlungen veröffentlicht werden, die irgendwelche Klagen gegen den Pulverhersteller nach sich ziehen könnten.

 

Das sagt Vihtavuori aber auch

Schaut man sich die Ladeempfehlungen aus dem ersten Link etwas genauer an, so fällt eine auf, bei der beim 139gr.-Norma-Geschoss ganze 39,4 gr. N150 (maximal) erlaubt sind. OK, kann ja sein, dass sich Geschosse in Ihrer Geometrie äußerlich unterscheiden und gewisse Parameter der Patrone angepasst werden müssen. Aber entscheidend für ein gesundes Weiterschießen sollte ja immer noch der Gasdruck sein. Schauen wir uns die Daten mal mit Quickload an:

  • Hülse: 6,5×55, Hersteller unbekannt
  • Zündhütchen: Hersteller unbekannt
  • Pulver: Vihtavuori N150
  • Menge: 39,4 gr.
  • Geschoss: Norma HP, 139gr., (Mit Artikel 66517 aus der Datenbank von Quickload bezeichnet)
  • OAL: 78,0mm
  • Crimp: unbekannt
  • V0 (nach Vihtavuori): 779 m/s
  • V0 (nach Quickload): 807 m/s
  • Max. Gasdruck (nach Quickload): 3214 bar
  • Max. zulässiger Gasdruck: 3800 bar

Jetzt sind es sogar nur noch knapp 600 bar zum Maximaldruck.

Sind die Parameter für die Berechnungen mit Quickload alle richtig gewählt, so ist doch schon auffällig, dass es solche Unterschiede in den maximalen Ladeempfehlungen gibt. Für jemanden, der kein Quickload besitzt, erschließen sich diese Unterschiede im Gasdruck überhaupt nicht! Ist das jetzt ein Indiz dafür, dass man Gasdrücke  nahe 3800 bar nicht fürchten muss? Die Antwort folgt weiter unten…

 

Aussichten

Spielen wir mal ein wenig mit den Parametern der Software. Behalten wir dabei immer im Hinterkopf, dass den Ergebnissen nur Rechenalgorithmen zugrunde liegen und die Wirklichkeit anders aussehen kann.

  • „Meine Laborierung“, jedoch nur 37,0 gr. N150 (statt 38,0 gr.):

–> V0 sinkt auf 783m/s, Pmax sinkt von 3069 bar auf 2861 bar.

  • „Meine Laborierung“, jedoch OAL von 78,0mm (statt 76,5mm):

–>V0 sinkt auf 772m/s, Pmax sinkt von 3069 bar auf 2986 bar.

Möchte man den Gasdruck senken, hat es also den größeren Effekt, die Pulvermenge zu reduzieren, statt die Patronenlänge zu erhöhen. Nicht wirklich verwunderlich… Der umgekehrte Effekt tritt erst wieder ein, wenn man das Geschoss bis an die Züge setzt.

Irgendwann will man natürlich zu dem Punkt kommen, an dem man tatsächlich beurteilen kann, ob man sich mit einer Laborierung sicher fühlen kann, oder nicht. Nehmen wir dabei Quickload zu Hilfe und seine Grenzwertbereiche für Gasdrücke, die je nach Gefahrenpotenzial farblich hinterlegt sind (hier bezogen auf den Schweden mit 3800 bar Maximaldruck).

 

Diagramm
Exemplarisches Diagramm

 

  • Ohne Markierung/Weiss: bis 2800 bar

–> Warnmeldung: keine

  • Gelb markierter Bereich: 2800 bar – 3200 bar

–> Warnmeldung: keine

  • Lila markierter Bereich: 3200 bar – 3800 bar

–> Warnmeldung: „WARNUNG: Nahe am höchstzulässigen Gasdruck. Toleranzen können gefährliche Drücke verursachen!“

  • Rot markierter Bereich: >3800 bar

–> Warnmeldung: Hierzu liegt mir keine Info vor, soweit habe ich es nicht kommen lassen.

 

Beschussamt Mellrichstadt

Ich habe kurzerhand mal beim Beschussamt Mellrichstadt angerufen und das Glück gehabt, einen freundlichen Mitarbeiter zu sprechen, der sich für mich Zeit genommen hat. Meine wichtigste Frage wurde mir wie folgt beantwortet: Der Gasdruck nach CIP kann als dauerfest angesehen werden. Allerdings wurde mir auch empfohlen, einen Abstand von ca. 10 Prozent zum maximalen Gasdruck zu wahren, denn eine Materialermüdung kann immer im Bereich des Möglichen sein.

 

Mein Fazit

Ich habe mich im Rahmen dieses Beitrags nochmal eingehender mit den Ladedaten befasst, werde aber an meiner Laborierung für den Schweden aus folgenden Gründen festhalten:

  • Alle bisher ca. 600 abgeschossenen Patronenhülsen ließen sich problemlos herausrepetieren.
  • Kein einziges Zündhütchen war derart platt, dass der abgesetzte Ring an der Zündglocke bereits verdeckt war.
  • Vollkalibrieren von abgeschossenen Hülsen bedurfte nie eines erhöhten Kraftaufwands. Die Schleifspuren des Vollkalibrierens waren im Bereich des Hülsenbodens stets minimal, im Bereich des Hülsenhalses naturgemäß deutlich.
  • Alleiniges Halskalibrieren bereits abgeschossener Hülsen mit Anfertigung von Patronendummies ergab keine Probleme beim Laden/Repetieren des Verschlusses – somit keine Hinweise auf „Ausbauchen“ der Hülsen aufgrund erhöhten Gasdrucks.
  • Maximal zulässiger Gasdruck wird um 700 bar (entspricht 18% Differenz zum Maximalwert) unterschritten.
  • Keine Warnhinweise durch Software Quickload.

 

Das war nun ein recht trockener Beitrag zum Thema Wiederladen. Ich halte nicht aus Trotz an meiner Laborierung fest, sondern tue das nach sorgfältiger Auswertung aller Informationen, die ich bekommen konnte. Ich will mit diesem Beitrag auch niemanden dazu animieren, die Ladeempfehlungen der Hersteller generell zu überschreiten, für die meisten Sportschützen ist das auf den disziplinenkonformen Distanzen auch gar nicht notwendig. Sollte ich jemandem mit Long-Range-Ambitionen nützliche Anregungen geliefert haben, so freut mich das. Die letzte beobachtete Reichweite meines Schwedenmausers mit meinen o.g. Ladedaten beträgt übrigens 1350m. Weitere Kommentare oder Anregungen zu diesem Beitrag sind herzlich willkommen!